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Akte № XLI · Folio P-CHR

Werkstatt-Predigt

Der Mythos vom Cartridge-Pusten — warum die Lunge nichts repariert

Cilias schmerzhafte Antwort auf eine der hartnäckigsten Geschichten der achtziger Jahre.

Verfasst von Cilia Brandl · Hardware-Resurrektion Aachen · 09. April 2026 Lesezeit 9 Min.
Der Mythos vom Cartridge-Pusten — warum die Lunge nichts repariert
Eine Game-Boy-Cartridge nach drei Minuten Lungeneinsatz — das hat geholfen, sagen alle. Stimmt aber nicht.

Vor jeder einzelnen Reparatur bekommt sie diese Frage. «Funktioniert nicht — soll ich erst pusten?» Nein. Bitte nein. Wir erklären, warum.

Bevor wir am Lötkolben überhaupt einen Ton sagen können, hören wir die Frage. «Funktioniert nicht. Soll ich erst kurz reinpusten?» Nein. Bitte nein. Das war nie ein Trick und ist auch nie einer gewesen. Es war eine kollektive Selbsthypnose der achtziger Jahre, die sich nur deshalb hartnäckig hält, weil sie scheinbar funktionierte. In Wahrheit funktionierte ein anderer Vorgang — und der ist erstaunlich simpel.

Das tatsächliche Problem an einer NES-, SNES- oder Game-Boy-Cartridge ist nahezu immer der Kontakt zwischen den vergoldeten Modul-Stiften und der Federleiste in der Konsole. Korrosion, Staub und vor allem oxidierte Goldauflagen verhindern den sauberen Strom-Übergang. Wenn ein Modul beim ersten Versuch nicht startet, das aber beim Pusten und erneuten Einstecken plötzlich tut, dann hat nicht die Lunge geholfen. Geholfen hat das wiederholte Einschieben — durch das mechanische Schaben des Moduls an der Federleiste reibt sich eine winzige Schicht Oxid ab.

Was die Lunge wirklich tut

Speichel und atemwarme Feuchtigkeit sind das genaue Gegenteil von dem, was vergoldete Kontakte brauchen. Selbst wenn die Goldauflage selbst inert ist, sitzen darunter dünne Kupfer- oder Nickel-Lagen, die durch Feuchtigkeit lustvoll oxidieren. Wer drei Jahre lang dasselbe Modul anpustet, schafft sich genau die Korrosion, vor der das pusten angeblich schützt. Das ist die freundliche Variante eines Teufelskreises.

Die häufigste Reparatur, die ich an alten Modulen mache, ist nicht die Cartridge selbst. Es ist die Federleiste in der Konsole. Wer diesen Mechanismus versteht, repariert plötzlich nichts mehr ständig. — Cilia, Werkstattbuch 2025, Eintrag 71

Was wirklich hilft — eine vollständige Pflegerunde

Eine ordentliche Pflege dauert zwölf bis fünfzehn Minuten und macht aus einem unzuverlässigen Modul ein zuverlässiges. Das Material kostet zusammen etwa neun Euro: Isopropyl-Alkohol (mindestens 99,5 %), reine Baumwoll-Wattestäbchen, ein weiches Mikrofasertuch und gegebenenfalls ein kleiner Glasfaserradierer.

Cilias Sieben-Schritte-Reinigung

  • Modul aus der Hülle nehmen, sichtprüfen. Wenn auf der Platine sichtbare grüne Spuren sind, ist es eine andere Reparatur — Battery-Leak — und gehört zu uns oder einem Restaurator.
  • Modul vorsichtig aufschrauben. Bei Nintendo-Modulen braucht es Game-Bit-Schrauben (3,8 mm oder 4,5 mm) — die liegen heute als preiswertes Set überall.
  • Vergoldete Kontakte mit einem in Isopropyl getränkten Wattestäbchen abreiben. Wenn das Wattestäbchen sich braun-grünlich verfärbt, war das Modul sehr lange nicht in Gebrauch.
  • Kontakte mit einem zweiten, trockenen Wattestäbchen polieren. Niemals Schmirgelpapier verwenden. Niemals Reinigungsmittel mit Tensiden.
  • Federleiste in der Konsole mit demselben Verfahren reinigen. In der NES-Top-Loader-Version reicht oft schon das Schieben eines isopropyl-getränkten Streifens dort hinein.
  • Trocknen lassen. Mindestens vier Minuten. Bei kalter Werkstatt eher zehn.
  • Modul wieder einsetzen. Wenn es jetzt noch nicht funktioniert, ist die Diagnose tiefer — und gehört in den Werkzeugkasten.

Wenn das Modul danach immer noch nicht will

Drei häufige Ursachen sind dann zu prüfen. Erstens: die internen Save-Batterie in JRPGs der Neunziger ist erschöpft. Zwar startet das Modul trotzdem, aber Speicher-Vorgänge fehlen. Zweitens: die ROM-Maske selbst hat einen schwachen Bit-Fehler — das passiert sehr selten, äußert sich aber durch Grafik-Glitches, die immer an derselben Stelle auftauchen. Drittens: die Konsole selbst hat ein Problem mit der CIC-Sperrchip-Kommunikation — ein klassisches Symptom für eine sterbende Federleiste, die sich auch nach Reinigung nicht mehr richtig zentriert.

Was wir bei OMG am häufigsten machen, sind genau diese drei Reparaturen, in dieser Reihenfolge der Wahrscheinlichkeit. Wer also seit Jahren ein Modul mit Lungenkraft animiert, schickt es uns gerne. Wir prüfen, reinigen, dokumentieren und schicken es mit einem Pflegezettel zurück. Kosten zwischen 12 € und 28 €, je nach Aufwand. Eines garantieren wir dabei: wir blasen nicht hinein.

Was wir niemals nutzen

Aceton (löst Plastik), Bremsenreiniger (entfernt die Goldauflage), Glasreiniger (lässt Schlieren zurück und enthält Tenside), Pencil-Erasers (kratzen die Kontakte mikroskopisch). Wer das Internet liest, findet Anleitungen mit all diesen Mitteln. Wir distanzieren uns höflich, aber bestimmt davon.

— Cilia Brandl · Hardware-Resurrektion · Pixel-Pforte Aachen GmbH