Die Wii ist eine der größten Verkaufserfolge der Konsolen-Geschichte und gleichzeitig eine der am wenigsten ernsthaft kuratierten Bibliotheken jener Zeit. Wer auf Bedienungsanleitungen, Top-Ten-Listen oder Algorithmen-Empfehlungen schaut, sieht immer dieselben acht Module: Mario Galaxy, Twilight Princess, Skyward Sword, Mario Kart, Smash Bros. Brawl, Wii Sports, Wii Sports Resort, Metroid Prime Trilogy. Das ist nicht falsch, aber es ist eine schmale Auswahl aus einer überraschend tiefen Bibliothek.
Im Werkstatt-Sortierregal liegen bei uns regelmäßig Module, die in den meisten Diskussionen einfach übergangen werden. Theo führt seit 2019 eine Notiz darüber, welche zwölf Wii-Titel er Sammlern empfiehlt, sobald sie sagen «ich kenne nur die offensichtlichen». Diese zwölf folgen hier — mit kurzen Begründungen, warum sie nicht in Listenposts auftauchen, aber trotzdem gehört werden sollten.
Die zwölf Akten
I. Sin & Punishment: Star Successor (2010)
Treasures Rail-Shooter ist die heimliche Krönung der Wii-Bibliothek. Sechzig Bilder pro Sekunde, ein Schwierigkeitsgrad-System, das tatsächlich respektiert, dass Spielende erwachsene Reflexe haben, und eine Soundtrack-Inszenierung, die zwischen Synthwave und Anime-Score steht. Wer es nie mit einer Wii-Fernbedienung gespielt hat, kennt nur die halbe Erfahrung — der Pointer macht aus dem Spiel eine andere Übung als jeder Pad-Shooter.
II. The Last Story (2011)
Hironobu Sakaguchi nach Final Fantasy. Mistwalker Studios. Ein RPG, das sich getraut hat, in westliche Cinematic-Inszenierung zu gehen, ohne die japanische DNA aufzugeben. In Europa über Nintendo selbst veröffentlicht, in Nordamerika lange Zeit gar nicht — was der Hauptgrund ist, warum die Empfehlung selten gehört wird.
III. Xenoblade Chronicles (2011)
Inzwischen ist die Reihe Mainstream, das Original-Wii-Modul aber bleibt das Beste der ganzen Serie. Eine offene Welt, die noch echte Räume hatte statt Open-World-Klischees, ein Kampfsystem mit reiner Geduld und eine Erzählung, die sich vier Stunden Zeit lässt, ehe der Plot wirklich beginnt. Cilia spielt es jeden Winter einmal durch.
IV. Pandora's Tower (2011)
Das dritte Modul der inoffiziellen «Operation Rainfall»-Lokalisierungsbewegung. Ein dunkler Action-Titel, in dem die Hauptfigur menschliche Verwandlungen mit einer Kette aus Fleisch bekämpft. Klingt seltsam, ist es auch — und genau deshalb wertvoll. Ein Modul, das niemals eine Fortsetzung bekam und vermutlich nie eine bekommen wird.
V. Disaster: Day of Crisis (2008)
Monolith Soft, bevor sie zur Xenoblade-Schmiede wurden. Ein Modul über Naturkatastrophen, das in den USA nie erschien. Sieben Stunden Kampagne, jede Stunde ein anderes Setting — Hochwasser, Vulkanausbruch, Erdbeben. Mit Wii-Fernbedienung als Defibrillator-Eingabe. Eine wundersame Spezialität.
VI. Fragile Dreams: Farewell Ruins of the Moon (2009)
Eines der ruhigsten Spiele jener Generation. Ein Junge wandert durch eine entvölkerte Welt mit einer Taschenlampe und sucht Spuren anderer Menschen. Atmosphärischer JRPG-Hybrid, der zwischen Persona, Ico und einem postapokalyptischen Walking-Sim balanciert.
VII. A Boy and His Blob (2009)
Wayforward erfindet den NES-Klassiker neu, in handgezeichneter 2D-Animation, die heute noch besser aussieht als die meisten 2009er-Spiele. Eine Puzzle-Plattformer-Reise mit einer Umarmungs-Mechanik, die ehrlich auf die Tränen-Drüse zielt — und trifft.
VIII. MadWorld (2009)
PlatinumGames in Schwarz-Weiß-mit-Rot. Eine stilistische Anomalie: schwarz-weiße Hardboiled-Komik, Frank-Miller-Verschnitt, blutig-witzig. Trotzdem keiner spricht heute mehr darüber. Ein Modul, das jeder Cult-Sammler braucht.
IX. Little King's Story (2009)
Yoshiro Kimura. Ein wundersames Königreich-Aufbau-Strategie-Spiel mit Disney-Anmutung und sehr viel Tod. Tatsächlich auf der Wii viel besser inszeniert als später in der PSP-Vita-Neuauflage.
X. Klonoa (2008)
Die Wii-Neuauflage des PS1-Originals — handgezeichnete Hintergründe, weiche 2,5-D-Plattform-Mechanik, eine emotionale Story-Wende, die für Tränen sorgt. Module sind heute selten und teuer geworden.
XI. Tatsunoko vs. Capcom: Ultimate All-Stars (2010)
Capcom auf der Wii. Ein Modul, das die Kampfspiel-Szene damals nicht erwartete und deshalb auch heute noch wenig im Gespräch ist. Sechs Buttons, hervorragende Inputlatenz, lokale Couch-Multiplayer-Stunden. Vermutlich das beste Couch-Kampfspiel der Wii-Generation.
XII. Mushroom Men: The Spore Wars (2008)
Les Claypool von Primus schrieb den Soundtrack. Allein das. Ein 3D-Plattformer in einer winzigen Pilzwald-Welt, in dem die Hauptfigur einen kleinen Pilz spielt, der vor Mikroben-Invasionen fliehen muss. Klein, charmant, eigenwillig.
Diese zwölf Module sind nicht «vergessen», weil sie schlecht wären. Sie sind vergessen, weil die Wii-Generation zu groß war, um sie alle zu hören. Manche Geräusche gehen in dem Lärm einfach unter. — Theo, Notizbuch 27/2026
Wie man sie heute spielt
Original-Wii-Konsolen bekommen wir regelmäßig in den Werkstatt-Bestand. Cilia tauscht in der Regel die Lasereinheit gegen eine neue Sanyo-Linse aus, weil die alten ab ungefähr fünfzehn Jahren Standzeit ihren ersten Lesefehler zeigen. Auf einer modernen HDTV-Verbindung empfehlen wir den Wii2HDMI-Adapter — wer das Bild ernsthaft sehen möchte, nimmt zusätzlich einen RetroTINK 4K, der bei Sin & Punishment den entscheidenden Unterschied zwischen «das Modul ist gut» und «das Modul ist eine Hymne» macht.